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Schon Ende des Monats soll der erste Teil meiner neuen Reihe erscheinen, die in Cornwall spielt. Sie handelt von drei Freundinnen, von denen jede in einem Band die Hauptrolle innehält. Im ersten Band geht es um Lizzy, die seit Jahren unglücklich in ihren ehemals besten Freund verliebt ist. Nun kehrt sie in ihren Heimatort zurück und hofft, dass sie ihre Verliebtheit endgültig überwunden hat.

Alle Interessierten können schon einmal vorab das 1. Kapitel lesen.

6 Jahre später
Lizzy

Im Geiste ging ich noch einmal meine Checkliste durch. Zum gefühlt hundertsten Mal. Irgendetwas hatte ich immer vergessen. Aber jetzt müsste ich alle Dinge erledigt haben und meinem Umzug stand nichts mehr im Weg. Da unsere Wohnung möbliert vermietet wurde, musste ich mich wenigstens nicht darum kümmern, sie leerzuräumen. Meine Nachmieterin zog nächste Woche ein und hatte das Glückslos gezogen, mit Francis zusammenzuwohnen, die gemeinsam mit mir Tiermedizin studiert hatte. Im Gegensatz zu mir, würde sie im Londoner Vorort bleiben und in einer kleinen Gemeinschaftspraxis arbeiten, die Kleintiere behandelte. Ich hingegen zog in meine Heimatstadt zurück, die ich in den letzten Jahren gemieden hatte.
„Bist du dir sicher, dass du das Richtige tust?“, fragte meine Freundin Fran, die mich skeptisch beäugte und sich dabei durch die blonden Locken fuhr. Verunsichert ließ ich mich auf einen Sessel fallen. Tief durchatmend fand ich genügend Energie, um möglichst überzeugend zu antworten.
„Ja, bin ich. Ich liebe meinen Heimatort und es war ein Glücksgriff, dass genau jetzt zum Studienende, Doktor Applegate demnächst in Rente gehen wird. Das war ein Wink des Schicksals. Als meine Mum mir davon erzählt hat, war mir klar, was ich tun muss.“
„Und weil du Newquay so sehr liebst, warst du in den letzten Jahren wie oft dort? Zweimal, dreimal?“ Frans Blick wurde noch eine Spur skeptischer. Natürlich glaubte sie mir kein Wort. Immerhin war sie eine der wenigen, die Bescheid wussten, warum es mich nicht nach Hause zog, obwohl meine Eltern und meine jüngste Schwester dort wohnten.
„Es ist Jahre her und meine Wut auf Jamie, hat meine Gefühle längst abgetötet. Was er mit Gwen abgezogen hat, war einfach unterste Schublade. Klar, ich habe ihn nicht mehr so oft gesehen, als ich zum Studieren wegzog, aber er war während der Schulzeit mein bester Freund …“
„In den du verliebt warst, bis ihn dir deine Schwester weggeschnappt hat“, warf Fran nicht gerade feinfühlig ein.
„Das auch, aber egal, darum geht es jetzt doch gar nicht.“ Meine Freundin handelte sich einen wütenden Blick von mir ein, bevor ich fortfuhr: „Aber irgendwann muss doch mal Schluss mit den Vorwürfen sein. Gwen ist wieder liiert und natürlich habe ich ihr nach der Trennung und ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie beigestanden. Sein Verrat hat sie damals einfach vollkommen aus der Bahn geworfen. Aber jetzt geht es ihr gut und sie kann nicht von mir verlangen, dass ich mich ihr zuliebe weiterhin von meiner Heimat fernhalte. Außerdem ist Newquay mit knapp zwanzigtausend Einwohnern jetzt auch nicht so klein, als dass ich Jamie ständig über den Weg laufen werde.“
Durch meine Mutter wusste ich natürlich, dass er immer noch dort wohnte, aber alles andere hätte mich auch verwundert. Er war schon immer der heimatverbundene Typ gewesen und sein Pflichtgefühl, sich um seine Mutter zu kümmern, hielt ihn zusätzlich davon ab, wegzuziehen. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sich sein Bild vor mein geistiges Auge schob. Jamie, wie er auf den Klippen vor dem offenen Meer stand, die halblangen, dunkelbraunen Haare wild vom Sturm durcheinandergewirbelt, sein geliebtes freches Grinsen. Ich war so unfassbar verliebt in ihn gewesen und er hatte es nie bemerkt. Natürlich hatte ich alles darangesetzt, dass er es nicht erfuhr, denn ich hatte mir niemals Chancen bei ihm ausgerechnet. Aber als er durch mich meine jüngere Schwester kennenlernte, die ihm gleich den Kopf verdrehte, war es, als wurde mir brutal mein Herz herausgerissen. Ab diesem Zeitpunkt ging er ständig bei uns ein und aus und ich zerbrach fast daran, die beiden so verliebt zu erleben. Unsere Freundschaft lief von da an, nur noch auf Sparflamme, was allerdings an mir lag. Jamie hatte sich anfangs bemüht, mich weiterhin zu treffen, aber ich hielt es einfach nicht aus und redete mich immer häufiger heraus. Irgendwann gab er auf, und war insgeheim bestimmt erleichtert, weil es meiner Schwester nicht recht war, wenn er sich allein mit mir traf. Sie war eifersüchtig auf mich, was absolut lächerlich war, in Anbetracht der Tatsache, dass sie schon immer die Hübschere, Geistreichere und Beliebtere war. Ich lief einfach so mit, weder besonders gemocht, noch besonders unbeliebt.Bis ich Jamie kennengelernt hatte, der mich in den Himmel hob, mir das Schweben beibrachte, durch den ich lernte, mich selbst zu mögen. Der mir eine Horde Schmetterlinge bescherte, jedes Mal, sobald ich auch nur an ihn dachte. Und der mir am Ende das Herz brach, obwohl ich ihm dafür niemals einen Vorwurf machte, genauso wenig wie meiner Schwester. Ich hatte ihr nie gestanden, in Jamie verliebt zu sein. Aber hatte ihre weibliche Intuition es wirklich nie gespürt? Allerdings hatten wir all die Jahre niemals darüber gesprochen.
„Mein Gott Lizzy, wo bist du denn gerade gewesen?“ Fran rüttelte an meiner Schulter und ich blickte sie desorientiert an.
„In meiner Vergangenheit“, gab ich ein klein wenig frustriert zu. Ein wenig unwohl wurde mir schon bei dem Gedanken zumute, Jamie bald zu begegnen. Bei den seltenen Heimatbesuchen hatte ich kaum das Haus verlassen, aus Sorge ihn zufällig zu treffen. Sobald ich wieder dort wohnte, wäre es irgendwann unvermeidlich, aber ich wollte mir die tolle Chance einfach nicht verbauen und konnte es kaum erwarten, in meine berufliche Zukunft zu starten. Und auf mein neues Zuhause, das urige Cottage freute ich mich nach den Jahren in der Großstadt ganz besonders. Denn mit meinen achtundzwanzig Jahren wollte ich nicht mehr bei meinen Eltern wohnen. Ich würde am Ortsrand mit direktem Zugang in die Natur wohnen, was ein Traum für mich war. Nirgends auf der Welt war es so schön wie in Cornwall. Die raue, zerklüftete Natur mit den imposanten Steilküsten, aber auch der Artenvielfalt an Tieren und den blühenden Gewächsen war einfach atemberaubend.Ich umarmte meine Freundin, die zur Arbeit musste und drückte sie fest an meine Brust.
„Du musst mich ganz bald besuchen kommen. Ich vermisse dich jetzt schon.“ Mühsam verkniff ich mir ein Tränchen. Wir hatten vier Jahre zusammengewohnt, waren uns auf die Nerven gegangen, hatten mehrere Liebeskummer gemeinsam durchgestanden und uns besoffen, bis wir den Namen des jeweiligen Typen nicht mehr kannten und nun würden wir uns wohl nur noch alle paar Monaten sehen.
„Das werde ich ganz sicherlich tun. Du wirst mich nicht los. Und ich muss gestehen, auch wenn du behauptest mit Jamie durch zu sein, neugierig auf ihn zu sein.“ Sie zwinkerte mir dreist zu und warf mir von der Tür aus noch einmal ein Handküsschen zu.Kaum war sie weg, schien es, als würde alle Lebendigkeit aus mir weichen. Reglos stand ich da, unfähig eine Entscheidung zu treffen, welchen Schritt ich als nächstes erledigen sollte. Da mein Kopf gerade überfordert war, befahl ich meinen Beinen, die Küche aufzusuchen, um mir einen Kaffee zuzubereiten. Jetzt gönnte ich mir erst einmal eine Pause mit einem leckeren Stück Scones, was ich mir vorhin aus der Bäckerei geholt hatte. Anschließend würde ich überlegen, was ich noch erledigen musste, bis ich morgen nach Hause fuhr.
Während ich am Küchentisch saß und genüsslich in die Leckerei biss, wanderten meine Gedanken wie ferngesteuert zu Jamie. In den letzten Jahren hatte ich es zumeist geschafft, nicht an ihn zu denken. Immerhin war es fast sechs Jahre her, dass sich die beiden getrennt hatten. Und auch zuvor hatte ich ihn nur noch selten gesehen, da ich sobald wie möglich nach London gezogen war. Meine Mutter hatte versucht, mich zu überreden, wenigstens in Bristol zu studieren, aber ich wollte möglichst weit weg. Weg von Gwens und Jamies Glück, das ich nur schwer ertragen konnte, auch wenn ich mich dafür schämte. Am liebsten wäre ich ins Ausland gegangen, aber da hatte mich schlussendlich der Mut verlassen.
Der räumliche Abstand hatte mir gut getan und als ich meinen ersten Freund hatte, redete ich mir ein, mit Jamie abgeschlossen zu haben. Als ich ihn während eines Heimatbesuches zufällig aus der Ferne gesehen hatte, wurde mir brutal aufgezeigt, dass es eine einzige Lüge war. London war die richtige Entscheidung gewesen. Es reichte mir schon, wenn ich mich mit Gwen getroffen hatte und mir ihre Lobpreisungen über ihren Jamie anhören durfte. Das war schmerzhaft genug gewesen und ich hätte sie so gern angebrüllt, damit aufzuhören. Aber dann hätte ich ihr meine Gefühle gestehen müssen und ich sorgte mich, dass sie sich Jamie gegenüber verplappern würde, außerdem wollte ich ihr Mitleid nicht.
Und dann kam der Tag, an dem mir Gwen völlig aufgelöst erzählte, dass Jamie sie seit Monaten nach Strich und Faden belogen und betrogen hatte. Sie war am Ende gewesen, hatte permanent geheult und mir sogar ein Foto von Jamie gezeigt, der eine andere Frau küsste. Mir hatte es den Magen umgedreht, wie konnte er meine Schwester nur dermaßen schlecht behandeln? Das hatte sie nicht verdient, obwohl ich ihr selbst manches Mal den Hals hätte umdrehen können. Gwen flüchtete ins Ausland und erst Wochen später gestand meine Mutter mir, dass Gwen in der Psychiatrie sei. So kam es, dass wir uns monatelang nicht sahen. Ich wusste bis heute nicht, wo sie überhaupt gewesen war, sie mochte nicht über die damalige Zeit reden, was ich gut verstehen konnte. Anschließend zog sie nach London und wir sahen uns regelmäßig, auch wenn es wohl beiderseits eher Pflichtgefühl als ehrlicher Zuneigung entsprang. Wir waren einfach zu verschieden, um wirklich Gemeinsamkeiten zu finden, aber sie war meine Schwester, die eine furchtbare Zeit mitgemacht hatte, das verband uns. Über Jamie sprach sie zum Glück kaum, was mir recht war.
Und jetzt kehrte ich zurück und hatte überhaupt keine Ahnung, was mich erwarten würde, wenn ich ihm das erste Mal gegenüberstand. Würde ich wieder Gefühle für ihn entdecken oder war er mir egal geworden? Vielleicht siegte auch die Wut, die ich so lange auf ihn verspürt hatte. Ich wusste es einfach nicht und mir blieb nichts anderes übrig als abzuwarten. Immerhin kehrte ich freiwillig zurück, kneifen galt jetzt nicht. Dennoch konnte ich nicht leugnen, dass meine Nervosität schlagartig in die Höhe schnellte, sobald ich nur daran dachte, ihm zu begegnen. Er hingegen dachte bestimmt kaum mehr an die Miller Schwestern. Wahrscheinlich hatte er uns längst vergessen. Ich wusste nicht einmal, ob er mittlerweile verheiratet war oder schon Kinder hatte. Meine Mutter sprach verständlicherweise ebenfalls nicht gern über ihn und ich war froh, wenn er nicht erwähnt wurde. Mit meiner besten Freundin Mia aus der Schulzeit hatte ich zwar immer noch Kontakt, aber auch mit ihr sprach ich mittlerweile nicht mehr über ihn. Vor einiger Zeit war er wohl mit einer ehemaligen Klassenkameradin zusammen gewesen, aber seither hatte ich nicht mehr nachgefragt. Immerhin wollte ich den Eindruck erwecken, dass er mir egal war, dass ich ihn von meiner Festplatte gestrichen hatte. Jamie Ardery, wer bitte sollte das sein?
Hastig sprang ich auf und schalt mich eine dumme Gans. Kaum kehrte ich in die Heimat zurück, waren meine Gedanken in Dauerschleife an Jamie gefangen. Das konnte ja heiter werden. Hoffentlich kurierte mich die erste Begegnung endgültig von ihm und schaffte das, was die Zeit all die Jahre nicht gekonnt hatte. Ihn zu vergessen. Ihn mit dem Deckmantel der Gleichgültigkeit zu überdecken.

Schon bald gibt es in meinem Newsletter die nächste Leseprobe zu lesen.

One Comment

    • Brigitte Schuck

    • 3 Monaten ago

    Es klingt gut, und ich werde mir ganz bestimmt dein Buch kaufen.

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