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Tommy

„Wo ist denn das Bier?“, brüllte Mila durch das Wohnzimmer. Die laute Musik schluckte beinah ihre Worte, aber Tommy ahnte, was sie von ihm wollte und bedeutete ihr, kurz zu warten.

Gerade war er damit beschäftigt, dem Catering zu zeigen, wo sie die bestellten Köstlichkeiten abstellen sollten. Er unterdrückte seinen Unmut, weil der Lieferservice sich um über eine Stunde verspätet hatte. Hastig wies er auf die vorgesehenen Tische, um anschließend Mila behilflich zu sein.

Tommy legte ihr den Arm um die Schultern und meinte beruhigend: „Warum bist du denn so aufgeregt? Ich habe alles im Griff, du und Leo, ihr könnt euch einfach gemütlich zurücklehnen und genießen.“

Mila gestattete es sich für einen Moment, sich an der Schulter ihres besten Freundes anzulehnen. Tommy zog sie noch ein wenig näher zu sich heran.

„Ich weiß, dass du alles wunderbar im Griff hast, aber dennoch hoffe ich, dass es allen gefällt. Ich bin nicht so gut im Loslassen.“ Mila grinste etwas schief und Tommy wusste, dass sie vor allem auf den bevorstehenden Abschied anspielte.

„Das musst du ja auch gar nicht. Schau dich doch mal um, alle Anwesenden werden dir erhalten bleiben, nicht nur im Herzen, sondern auf persönliche Weise.“

Mila sah sich um und er wusste genau, was ihr gerade durch den Kopf schwirrte. Obwohl sie sich sehr auf die bevorstehende Auswanderung nach Schweden freute, hielt sie der Kummer fest im Griff, ihre Freunde und Familie für dieses Abenteuer zurückzulassen.

„Habe ich mich überhaupt schon bei dir für diese grandiose Überraschung bedankt? Du bist der beste Freund, den ich je hatte.“ Dankbar lächelte sie ihn an und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er drückte ihr einen zarten Kuss auf die Stirn und löste sich aus der Umarmung. Es kostete ihn alle Willenskraft, Mila loszulassen, aber er wollte es sich selbst nicht unnötig schwer machen. Immerhin war Mila die Freundin seines besten Kumpels, auch wenn er noch Gefühle für sie hatte, fiel es ihm immer leichter, diese Tatsache nicht nur zu akzeptieren, sondern sich innerlich zu distanzieren.

Plötzlich fühlte er sich beobachtet. Hoffentlich hatte Leo ihre innige Umarmung nicht in den falschen Hals bekommen. Sie hatten gerade bestimmt äußerst vertraut miteinander ausgesehen.

Nachdem er Mila verraten hatte, dass sich das gesuchte Bier in der Badewanne befand, sah er sich möglichst unauffällig um. Leo war gerade in ein Gespräch vertieft, aber als er den Blick weiterschweifen ließ, blieb er an einem Augenpaar hängen. Isabell Niedermayer starrte ihn schamlos an. Leos Chefin und somit auch seine Vorgesetzte, auch wenn sie auf einer anderen Station arbeitete, war sie als Chefärztin über ihn gestellt. Zwar war seine Assistenzzeit bald beendet, aber noch sah sie ihn lediglich als Nachwuchs an, der noch viel zu lernen hatte. In ihren Augen war er ein kleiner Welpe, dem sie regelmäßig gönnerhaft den Kopf tätschelte, oder aber ihn maßregelte, weil er nicht gehorsam zu allem Ja und Amen sagte. Wie lange beobachtete sie ihn wohl schon? Seine Nackenhaare stellten sich auf.

Isabell hatte den Blick nicht abgewandt, obwohl er sie dabei erwischt hatte, dass sie ihn und Mila beobachtet hatte. Sie zog ihre Augenbrauen nach oben und musterte ihn weiterhin kritisch.

Mist, hoffentlich hatte sie nicht erkannt, dass Mila ihm alles andere als gleichgültig war. Isabell und Mila hatten sich in den letzten Monaten angefreundet, dennoch glaubte, er kaum, dass Mila es ihr verraten hatte. Bisher war er für alle einfach Milas bester Freund gewesen und Tommy hatte keine Lust, dass das ganze Krankenhaus über ihn tratschte. Frau Dr. Niedermayer war bekannt für ihre taktlosen Bemerkungen. Ihm wurde ein wenig heiß und er wandte sich ab, als ob er ihren Blick gar nicht wahrgenommen hätte, sondern in Gedanken durch sie durchgesehen hätte.

Nachdem er sich eine Weile um Sonja, Leos Schwester gekümmert hatte, die ein wenig verloren alleine herumgestanden hatte, ging er zur Bar hinüber, um sich einen weiteren Drink zu gönnen.

„Eine schöne Abschiedsfeier haben Sie organisiert“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Seine Hand um die Flasche Bier verkrampfte. Er drehte sich langsam um, und konnte sich gerade noch zurückhalten, einen Schritt zurückzuweichen, so dicht stand Isabell hinter ihm. Da er es vermeiden wollte, die ganze Bar abzuräumen, zwang er sich, still zu stehen, auch wenn seine Vorgesetzte ihm unangenehm nah war. Genüsslich trank er einen Schluck aus der Flasche, während er ihrem eindringlichen Blick standhielt.

„Bekomme ich auch eins?“, fragte sie schließlich in die aufgetretene Stille hinein, nachdem er keine Anstalten machte, zu antworten.

Wortlos drehte er sich um, öffnete ihr eine Flasche und reichte sie ihr. Dabei schaffte er es, unauffällig einen Schritt zur Seite zu machen, um etwas Abstand zwischen sich und Frau Doktor Niedermayer zu bringen. Normalerweise hatte er keinerlei Berührungsängste private Kontakte mit Kollegen zu pflegen, aber Isabell war ihm ein Mysterium, das er noch nicht durchschaut hatte. Obwohl sie zu Milas Freundinnen zählte, hatte er sie selten privat getroffen. Leo verdrehte regelmäßig die Augen, wenn er sie außerhalb des Klinikums traf. Meistens verabredete Mila sich alleine mit ihrer Freundin, denn das verlief deutlich entspannter. Isabell konnte es einfach nicht unterlassen, Leo gegenüber die Vorgesetzte heraushängen zu lassen, auch wenn sie ihm Mila zuliebe das Du angeboten hatte, was einem Ritterschlag gleichkam. Tommy war selbige Ehre bisher nicht zuteilgeworden.

Als Isabell einen Schluck aus der Flasche nahm, konnte er es nicht verhindern, dass sein Blick an ihren Lippen haften blieb. Sie hatte geschwungene, volle Lippen, die zum Küssen einluden. Zum Küssen? Tommy schrak zusammen, herrje, er sollte schleunigst an etwas Unverfängliches denken. Jetzt fuhr sie sich auch noch lasziv durch die kastanienbraunen Locken, was zugegebenermaßen echt heiß aussah. Scheiße, wie viel Drinks hatte er eigentlich schon intus? Es kam ihm vor, als sähe er Isabell zum ersten Mal. Warum war ihm eigentlich noch nie aufgefallen, was für eine gut aussehende Frau sie war? Sein Blick scannte sie unverschämt von oben nach unten. Endlos lange Beine, die heute in eine schwarzen Skinny Jeans steckten. Das eng anliegende dunkelgraue Glitzertop betonte eine schlanke Taille und große Brüste. Ihr wunderschönes, ebenmäßiges Gesicht mit einer edlen, geraden Nase, die ein paar Sommersprossen zierten. Auch das war ihm noch nie aufgefallen, allerdings war er ihr auch noch nie so nah gewesen.

„Verraten Sie mir, wie Ihr Urteil ausfällt?“

Schlagartig riss sie ihn aus den Gedanken und sein Blick wanderte bedauernd von den Brüsten zu ihren Augen, mit denen sie ihn amüsiert und gewohnt herablassend betrachtete.

Tommy fuhr sich durch die blonden Haare und fragte grinsend: „Was für ein Urteil?“

„Ihre Inspektion. Sie haben mich doch gerade gründlich abgecheckt.“

Sein Grinsen verging ihm schlagartig, als ihm klar wurde, dass er gerade beim Starren ertappt worden war.

Isabell lehnte sich entspannt mit dem Rücken an die Wand, trank einen weiteren Schluck und sah ihn weiterhin auffordernd an.

„Für Ihr Baujahr sehr gut erhalten, gepflegt und in Form gehalten“, schoss es aus ihm heraus, bevor er sein Gehirn wieder einschalten konnte.

War er total bescheuert? So etwas konnte er doch nicht zu einer Vorgesetzten sagen. Vor allem nicht zu einer Chefin, die selbst gern verbal austeilte und die er als nachtragend einschätzte. Tommy brach der Schweiß aus, aber entschuldigen wollte er sich nicht, damit würde er nur Schwäche zeigen. Und er hegte die untrügliche Befürchtung, dass Frau Doktor Niedermayer jedes Zeichen von Schwäche besonders verabscheute.

„Es freut mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass die Inspektion sehr positiv verlaufen ist. Gut in Schuss, keinerlei Mängel. Ich würde sagen, eins a.“ Gott, er redete sich noch um Kopf und Kragen.

Isabell schien im ersten Moment wie erstarrt zu sein, als er weitersprach, verzog sich ihr Mundwinkel ein wenig und es sah so aus, als verkniff sie sich ein Lachen.

„Herr Doktor Sander, Sie flirten doch nicht etwa mit mir?“, revanchierte sie sich in entsetztem Tonfall. Für einen Moment wusste Tommy nicht, ob sie es ernst meinte. Er musterte sie eindringlich und erkannte an dem Schalk, der ihr aus den Augen blitzte, dass das Gespräch sie amüsierte.

„Hätten Sie damit denn ein Problem?“, setzte er noch eins oben drauf. Langsam sollte er zusehen, dass er unbeschadet aus der Nummer herauskam.

Isabells Gesichtsausdruck verschloss sich mit einem Mal und sie sah unnahbar und reserviert aus. Anscheinend war er jetzt doch über das Ziel hinausgeschossen.

„Sollten Sie sich Ihre Komplimente nicht lieber für eine andere aufheben?“

Tommy folgte ihrem vielsagenden Blick, der auf Mila gerichtet war und er versuchte, cool zu bleiben.

„Mila mache ich gerne Komplimente, wie jeder gut aussehenden Frau.“ Seinen heftig pochenden Herzschlag würde sie hoffentlich nicht erahnen können. Seine Stimme hatte er zu seiner Erleichterung vollkommen ruhig halten können.

„Sie ist ja schließlich Ihre beste Freundin.“

Ihr sarkastischer Tonfall machte ihm deutlich, dass sie ihn genau durchschaut hatte.

„So wie Leo mein bester Freund ist. Deshalb habe ich heute die Party organisiert. Um mich von den wichtigsten Menschen in meinem Leben zu verabschieden und ihnen eine Freude zu bereiten.“

„Ach, da wird Ihre Freundin aber enttäuscht sein“, erwiderte sie überrascht und zugleich ein wenig ironisch, während sie theatralisch die Hand auf die Brust legte. Fast so, als täte sie ihr wirklich leid.

Tommy wäre fast herausgerutscht, welche Freundin sie meinte, als ihm auffing, dass sie anscheinend über seine Affäre mit Alisa Bescheid wusste, die er immer noch nicht beendet hatte. Zwar arbeitete Alisa als Intensivschwester auf derselben Station wie Isabell, dennoch überraschte es ihn, dass sie über sein Privatleben so gut Bescheid wusste. Und noch viel mehr überraschte ihn, ihre provokante Feststellung. Was ging sie sein Privatleben an?

„Lassen Sie das meine Sorge sein. Ich habe da gewisse Mittel, wie ich sie ihre Enttäuschung vergessen lassen kann“, konterte er geschickt und zwinkerte ihr noch zu, bevor er sich auf die Suche nach seinem besten Kumpel machte.

„Und du möchtest mein bester Freund sein?“, maulte Tommy beleidigt, als er endlich mit Leo sprechen konnte, der sich gerade von seiner Schwester verabschiedet hatte, die nach Hause fahren wollte.

„Wie bist du denn drauf? Vorhin hattest du bessere Laune“, stellte Leo amüsiert fest.

„Da hatte mich Frau Doktor Oberdrachen auch noch nicht in ihren Fängen. Du hättest mir ja wirklich mal zu Hilfe eilen können“, stöhnte Tommy genervt.

Leo warf seiner ehemaligen Chefin einen skeptischen Blick zu, die gerade in ein Gespräch mit Mila vertieft war und ihr ein liebevolles Lächeln schenkte, während sie ihr über die Schulter strich.

„Die sieht doch gerade richtig zahm aus“, meinte er achselzuckend, während er einen riesigen Bissen seines Burgers in den Mund stopfte.

„Zahm? Diese Frau hätte mich gerade beinah mit Haut und Haaren als kleinen Mitternachtssnack verspeist. Wie hast du es nur ausgehalten mit ihr als direkte Vorgesetzte zusammenzuarbeiten?“, fragte er ehrlich interessiert.

„Was hat sie denn getan, dass du derart aus der Fassung gerätst? Du bist doch sonst nicht so leicht zu verunsichern.“

„Ich bin nicht verunsichert“, gab Tommy empört zurück. Als Leo daraufhin zu prusten begann, knickte er ein. „Na gut, ich gebe es zu, sie hat mich verunsichert. Irgendwie hat sie es geschafft, dass ich nun wie der letzte Idiot vor ihr dastehe“, murmelte er undeutlich, weil es ihm vor Leo peinlich war, zuzugeben, was er zu ihr gesagt hatte.

Leo verschränkte die Arme vor der Brust und hatte sogar vergessen, seinen Burger weiter zu essen. „Jetzt machst du mich aber neugierig.“

Zähneknirschend gab er seine verbale Entgleisung wieder.

Leo starrte ihn mit offenem Mund an. „Bist du vollkommen wahnsinnig geworden? Das wirst du büßen müssen. Lange und schmerzhaft! Vielleicht sollten wir Mila bitten, ein gutes Wort für dich einzulegen“, meinte er mitleidig.

Tommy winkte ab. „Das wirst du ganz sicherlich nicht tun. Mila muss das nicht auch noch erfahren. Außerdem sähe es wohl ziemlich komisch aus, wenn ich sie vorschicken würde und ich mich wie ein kleiner Bengel hinter ihr verstecke.“

„Stimmt, das kommt bei Isabell bestimmt nicht gut an. Aber du solltest dir beizeiten eine gute Entschuldigung einfallen lassen.“

Tommy beschlich das ungute Gefühl, dass Isabell es nicht darauf beruhen lassen würde, immerhin kannte Leo sie viel besser als er.

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